Kindertag 2017: Eine Generation vernetzter Kinder

Kindertag 2017: Eine Generation von vernetzten Kindern

Als Elternteil und Sicherheitsexperte spricht Tony Anscombe über die Herausforderungen, Vorteile und Chancen der Generation der vernetzten Kinder.

Als Elternteil und Sicherheitsexperte spricht Tony Anscombe über die Herausforderungen, Vorteile und Chancen der Generation der vernetzten Kinder.

Wenn unsere Kinder wachsen, erfahren wir genauso wie sie viele unterschiedliche Momente, die uns mit Stolz erfüllen. Letzte Woche beobachtete ich meinen Sohn – derzeit ein Junior in der High School – dabei, wie er einen Smoking anzog und sich auf den Weg zur Prom seiner Abschlussklasse begab. Das erinnert mich daran, dass uns nur noch ein Jahr bleibt, bevor er sich in sein nächstes Abenteuer begibt – das College. Egal ob Kleinkind oder Jugendlicher, es ist immer gut, wenn wir uns ins Gedächtnis rufen, dass Kinder nicht unser Besitz sind und unser Job deren Vorbereitung auf die Selbstständigkeit ist.

“Die jungen Menschen leben in Echtzeit – rund um die Uhr.“

Seine Generation ist die erste, die ständig vernetzt ist. Für sie ist das in etwa so wie laufen oder lesen. Diese Altersgruppe wird das Gefühl nie kennen lernen, auf die Nachrichten im TV oder auf die Zeitung am nächsten Morgen warten zu müssen. Die jungen Menschen leben in Echtzeit – rund um die Uhr. Es ist normal, untereinander eher zu schreiben als zu telefonieren und miteinander zu sprechen. Telefonieren gilt unter den jugendlichen als altmodisch.

„Alt(-modisch)“ wie wir auch sein mögen, als Eltern haben wir die Aufgabe, Verantwortungsbewusstsein sowie angemessenes und sicheres Verhalten vorzuleben. Wie sah das Heranwachsen aus, als Kinder noch nicht ständig vernetzt waren?

Viele Experten zeigen nur die Kehrseiten und die Risiken des ständigen „Online-Seins“. Für den Moment möchten wir aber eher auf die positive Seite des Internets eingehen und zeigen, wie großartig es ist. Ob interaktive Apps oder Lern-Spielsachen, die unserem Sohn das Lesen spielerisch beibringen sollten, oder Klassenräume mit interaktiven Whiteboards und Schul-Tablets, anstatt Bilder-Büchern. In einer Welt, in der man in Echtzeit unabhängig vom Standort ohne jegliche Abhängigkeiten von Telefonzellen drahtlos kommunizieren kann, gibt es nur wirklich wenige Grenzen.

Als Eltern wünschen wir uns für unsere Kinder ein ausbalanciertes Leben, zwischen Online-Sein und dem gleichzeitigen Wertschätzen von Fertigkeiten aus Erfahrungen wie dem Lernen von Fahrradfahren, Schwimmen oder der selbstbewussten Kommunikation mit anderen. Unsere Bedenken sind nichts Neues. Ich bin mir sicher, dass zur Zeit des Aufkommens von Hörfunksendungen Eltern ihren Kindern sagten, sie sollen aufhören dem Radio zu lauschen, genauso wie meine Eltern zu mir sagten, dass man vom Fernsehen viereckige Augen bekäme.

Die Schwierigkeit liegt in der Kontrolle der Balance. Das ist insbesondere dann der Fall, wenn unsere Kinder nur dieses Online-Leben kennen und es als selbstverständlich betrachten, über das Internet zu kommunizieren. Ich finde es wichtig, dass unsere Kinder verstehen, dass die Zeit mit PC oder Smartphone ein Privileg ist und kein Recht. Nun gibt es einige Eltern, die regelrechte Kontrakte mit ihren Kindern vereinbart haben. Dort ist dargelegt, was bei der Nutzung der Geräte (Screen-Time) von den Kids erwartet wird. Einige Eltern schränken Zugänge ein oder überwachen die Aktivitäten ihrer Sprösslinge, andere unternehmen nichts.

Wenn der Begriff Screen-Time fällt, denke ich darüber nach, im Haus herumzulaufen und alle mit dem Internet verbundenen Geräte zu zählen. Viele von uns vergessen die Spielkonsolen und vernetzten Spielzeuge. Bittet man das Kind sein Smartphone beiseite zu legen, dauert es nicht lange und wir beobachten, wie es eines der anderen vernetzten Geräte benutzt. Damit wird die angesprochene Balance nicht wirklich erreicht.

“Mit der Weiterentwicklung der Technologie sinken die Möglichkeiten, die mit vernetzten Geräten verbrachte Screen-Time bei Kindern einzudämmen oder zu kontrollieren.“

Mit der Weiterentwicklung der Technologie sinken die Möglichkeiten, die mit vernetzten Geräten verbrachte Screen-Time bei Kindern einzudämmen oder zu kontrollieren. Das Internet of Things (IoT) verspricht unsere Häuser, Autos und Städte smart zu verbinden. Sensoren sollen uns über Verkehr, Luft- und Wasserqualität oder Milch- und andere Vorrat-Bestellungen informieren. Die Möglichkeiten der Automatisierung und uns über fast alles zu informieren, was wir tun oder erleben, ist nicht mehr nur Science-Fiction, sondern nahezu Realität.

Bei uns zu Hause haben wir einen guten Mittelweg durch Kommunikation und Erziehung gefunden und das funktionierte gut bei uns. Eine der Regeln, die wir einführten, nannte sich „der Korb“. Dort verweilten die Smartphones während des Essens und über Nacht. Selbst unsere Gäste haben wir dazu angehalten, uns es gleich zu tun. Diese Handlung bewahrt Gespräche am Mittagstisch. Chatten, Posten und Gaming waren in der Nacht also kein Thema bei uns. Als Erwachsener ist die größte Herausforderung sich auch an diese Regeln zu halten!

Von entscheidender Bedeutung ist das Aufbringen des Verständnisses, was die Kinder in der Online-Welt unternehmen. Das kann über Kindersicherungssoftware, Überwachung des Internet-Traffics durch den Router oder nur durch den Zugang zu Geräten in öffentlichen Bereichen erfolgen. Überall dort können Eltern ein wachsames Auge auf ihre Sprösslinge werfen und im Ernstfall den Dialog mit ihnen über unangemessene Inhalte oder unangebrachtes Verhalten suchen. Ergibt die Überwachung beispielsweise, dass das eigene Kind sich drei Stunden am Tag in sozialen Netzwerken tummelt, ist ein Gespräch über sinnvoll genutzte Zeit angebracht.

Viele Technologien bieten die Möglichkeit, Inhalte oder den Zugriff auf Smartphone oder Tablet einzuschränken. Während das Blockieren von unangemessenen Inhalten angebracht scheint, verleitet der eingeschränkte Gerätezugriff die Kids bloß dazu sich an Orten wie Bibliotheken, Coffee Shops oder beim Freund oder der Freundin Zugang ins Internet zu verschaffen. Außerdem sollten wir an deren Smartphones denken, die unter Umständen den Internetzugriff über das mobile Datennetz ermöglichen. Mein Punkt ist der, dass wir den Zugriff auf beliebige Inhalte durch unsere Kinder nicht jederzeit überwachen können. Deshalb appelliere ich, den Sprösslingen das Wissen darüber zu vermitteln, worauf zugegriffen wird. Auf diese Weise wird ihnen bewusst, welches Verhalten wo angebracht ist und welche Entscheidungen zu treffen sind. Und, dass sie die Prinzipien verinnerlichen müssen, um sicher zu bleiben.

Ohne die Dinge vereinfachen zu wollen, würde ich sagen, dass es drei Phasen bis in die vollständige (digitale) Unabhängigkeit unserer Kinder gibt. Die erste Phase ist noch sehr behütet. In ihr entdecken die Kids die Online-Welt mit großen Augen, weil alles neu ist. In dieser Phase herrscht noch so etwas wie Unschuld, was einfach magisch ist. Das ist auch die Zeit, in der wir die Erfahrungen determinieren – sei es durch das Zulassen von Lern-Apps, (IoT-)Spielzeug oder durch in unseren Augen angemessene Webseiten.

Genauso wie wir unseren Kindern lehren, wie sie die Straße zu überqueren haben, ist die erste Phase die, in der wir die Kreuzung auf entgegenkommenden Verkehr überprüfen. In der nächsten wird die Straße zwar noch gemeinsam überquert. Wir fragen die Kinder aber, wann es sicher ist, zu gehen. Nach einem kurzen Check folgt das Feedback. Im übertragenem Sinne bedeutet das, dass wir unangemessene Inhalte nicht länger blockieren, sondern den Kids die Freiheit einräumen, das ganze Internet zu erkunden. Whitelists schalten wir dafür ab.

Irgendwann kommt der Moment im Leben der Eltern, in dem das Kind zum ersten Mal die Straße alleine überqueren wird. Viele denken nur: Wird unser Kind heil ankommen? Jedes unserer Kinder ist unterschiedlich. Demnach findet diese Phase auch zu unterschiedlichen Zeitpunkten im Leben des Kindes statt. Wir müssen den Kindern vertrauen – auch im Umgang mit ihren eigenen Smartphones und der ständigen Vernetzung. Das bedeutet nicht, dass wir nicht mehr verantwortlich sind. Lediglich unsere Rolle ändert sich dahingehend, dass wir nur noch beratend und richtungsweisend zur Seite stehen.

Eine gute Taktik, um unseren Sohn in der letzten Phase sicher zu wissen, war das Verstehen seiner verwendeten Apps. Es ist immer gut den Kindern zuzuhören. Insbesondere dann, wenn sie sich mit ihren Freunden über installierte Anwendungen unterhalten. Durch Gespräche kann mehr über die App herausgefunden und anschließend zur Kontrolle heruntergeladen werden. Selbst wenn die Apps nicht für Eltern entwickelt wurden, lohnen zusätzliche Kenntnisse über das Suchtpotential, gezeigte Inhalte und Kommunikationspartner. Natürlich hilf auch schon das Wissen über die Funktionsweise der Apps, um mit den Kindern im Dialog über Sicherheit und Online-Zeit zu bleiben.

Wenn wir die Kinder auffordern, respektvoll im Internet miteinander umzugehen und sich zu benehmen, dann sollten auch wir ihnen Respekt zollen und ihre Privatsphäre achten. Ich muss nicht mit meinem Sohn bei Facebook befreundet sein, genauso wenig wie andere Eltern. Ich lasse ihm den Raum, um mit seinen Freunden eine Welt zu leben, in der ich nicht Teil bin. Meine Eltern wussten damals manchmal auch nicht, welche Dinge ich sagte, mit wem ich kommunizierte oder wohin ich ging. Ich möchte meinem Sohn dieselbe Freiheit einräumen.

„Wenn es nur einen einzigen Ratschlag gibt, den ich jedem Elternteil weitergeben kann, ist es mit seinem Kind zu kommunizieren.“

Wenn es nur einen einzigen Ratschlag gibt, den ich jedem Elternteil weitergeben kann, ist es mit seinem Kind zu kommunizieren. Offene Dialoge und kontinuierliche Konversationen über Online-Aktivitäten lassen Eltern zu beratenden Personen werden, welche die Kinder gerne aufsuchen, wenn sie Fragen oder Probleme haben. Wer aber nur über die Risiken spricht, braucht sich nicht wundern, wieso Kinder ihre Erfahrungen nicht teilen und keine Ratschläge einholen.

Ja, das bedeutet, die digitale Generation so anzunehmen, wie sie sich entwickelt hat. Für uns Eltern heißt das auch, auf kommende Konversationen richtig vorbereitet zu sein, damit Erziehungsmaßnahmen nicht an fehlenden Inhalten oder mangelnder Sachkenntnis scheitern.

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