Feature-Phone: Sicherer durch weniger Features

Technologische Evolution – Sie soll Fröhlichkeit in unser Leben bringen, für mehr Bequemlichkeit sorgen und weniger Umstände bereiten – immer noch mehr Möglichkeiten für die Nutzer schaffen… Warum sollte man sich das Leben schwieriger gestalten, wenn es so einfach sein kann?

Man braucht nur einmal auf jenes Kommunikationsmittel zu blicken, das man nicht mehr ignorieren kann, selbst wenn man es gerne möchte: das Smartphone. Der jüngeren Generation scheinen die mobilen Geräte an die Hand gewachsen zu sein. Sie möchten, dass ihr Smartphone immer smarter wird und immer mehr Funktionen des täglichen Lebens übernimmt.

Für Hersteller ist das natürlich der Himmel auf Erden. Sie stehen im Wettkampf um das neuste gewinnbringendste Feature, das sich noch in ein Smartphone integrieren lässt – oder sie verbessern vorhandenes „um Welten“. Gleiches gilt für App-Entwickler (z.B. beim mobilen Online-Banking). Es geht um Innovationen, die das tägliche Leben einfacher gestalten – am besten mit nur einem Klick.

Durch den sich schneller fortsetzenden technologischen Fortschritt und durch die Fokussierung auf die Pionierstellung beim Vorstellen neuer Technologie scheint die Sicherheit im besten Falle hinten angestellt zu sein. Für böswillige Hacker schafft das vielseitige Möglichkeiten, Informationen zu stehlen, Lauschangriffe zu starten und so weiter. Da neue Features immer häufiger und immer schneller präsentiert werden, steigt die Wahrscheinlichkeit von Zero-Day-Exploits in den „intelligenten“ Smartphones.

Es scheint so, als ob der Drang der Smartphone-User nach neuen Funktionen der Geschwindigkeit des technologischen Fortschritts folgt und unaufhaltsam ist. Selbst dann, wenn das gewünschte Feature nicht einmal entwickelt ist und sich die Aufgabe auch „auf alte Weise“ erledigen lässt. Gleichzeitig werden Klagen über Datenverlust und -diebstahl, fehlende Privatsphäre oder lückenhafte Betriebssysteme lauter.

Vielleicht ist es an der Zeit, die Pause-Taste zu drücken und alles sicher zu gestalten – oder zumindest sicherer als bisher. Es geht um die Rückbesinnung auf technologische Möglichkeiten und Potentiale, um die Geräte wieder kontrollierbarer zu machen.

Die Nachfrage dafür besteht. Erst vorletzte Woche gab die niederländische Regierung bekannt, dass Regierungsangestellte zukünftig in schwierigen Staaten zu den Feature-Phones greifen müssen. Diese sind mit weniger Technik ausgestattet, verfügen beispielsweise nicht über Internet. Das erschwert böswilligen Hackern das Angreifen oder Anzapfen der Mobiletelefone der Regierungsangehörigen. Mit den neuen Feature-Phones kann der User nur noch Anrufe tätigen oder SMS verschicken. Durch die fehlende Internetverbindung kann auch keine App installiert werden. Das erinnert mich an die Mobiltelefone aus den 90er Jahren.

Der Prime Minister und einige andere Minister nutzen die Feature-Phones bereits. Auch weitere müssen zukünftig auf Reisen in spezifische Länder auf ihre derzeitigen privaten Smartphones verzichten. Die Feature-Phones werden von niederländischen Geheimdienst aufbereitet, geprüft und zertifiziert. Diese Schritte sollen die Kommunikation der Regierungsangehörigen sicher machen, oder zumindest sicherer als vorher. Damit besinnt man sich auf die Priorisierung von Sicherheit, nicht durch Geheimhaltung, aber durch das Zurückfahren der angebotenen Features.

Smartphones im Mülleimer

Das Beispiel der niederländischen Regierung ist kein Einzelfall. Es zeichnet sich ein Trend ab. Zu Beginn dieses Jahres verbannte das Weiße Haus alle persönlichen Mobiltelefone aus dem Westflügel, nachdem Sicherheitsbedenken aufkamen. Angestellte werden aber weiterhin in der Lage sein mit staatlich geprüften Endgeräten zu arbeiten.

Natürlich sollten nicht nur die Mobiltelefone sicherer werden. Auch der Benutzer sollte sich der Sicherheitsgefahren bewusst sein. Dazu zählt beispielsweise das Zurücklassen des privaten Mobiltelefons auf Business-Reisen, aber auch das Telefonieren mit einem sicheren Mobiltelefon in einer sicheren Umgebung, ohne Kameras und Abhöreinrichtungen. In Hotelzimmern sollte man sichergehen, dass die Hotelzimmerwände ausreichend Dick sind, damit der Nachbar nicht dem Gespräch lauten kann… oh, und dann wäre da noch das Abhören mittels Laser-Doppler-Vibrometer. Bestenfalls schließt man sich im Hotelzimmerbad ein und öffnet den Duschhahn, um genügend Rauschen zu erzeugen… klingt paranoid?

Wir wollen zwar nicht zu sehr auf die James-Bond-Schiene geraten, aber für Politiker, Top-Manager multinationaler Konzerne, die sich mit sehr sensiblen Informationen oder intellektuellem Eigentum befassen, welche Börsen-Märkte beeinflussen können, ist der Schutz vor Abhören ein Thema.

In der Vergangenheit konnten analoge Telefone ohne Verschlüsselungsmechanismus einfach angezapft werden. Technologie hat die Menschheit weit vorangebracht, vielleicht ein bisschen zu schnell. Ein kleiner Schritt zurück, der durch die Sicherung des gegenwärtigen „Standards“ erreicht wird, ist praktikabler als die vollständige Beseitigung dessen, was als normaler Teil unseres täglichen Lebens geschaffen wurde und akzeptiert wird.

Was aber wird passieren, wenn wir unseren Teenager-Kindern nun erzählen, dass brandneue Smartphone-Modelle ab nun verboten sind? Sie würden sich vermutlich darüber ärgern und manche sich sogar über ihr altes Mobiltelefon schämen und vielleicht nicht mehr vor die Tür treten mit dem Feature-Phone. Und da sie nun auch nicht mehr ständig mit ihren Freunden über Whatsapp kommunizieren, fangen sie möglicherweise wieder an mit den Eltern zu reden. Klingt spannend, oder?

Autor Righard Zwienenberg, ESET

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