Digitaler Heiratsschwindel ist in Zeiten der Pandemie bei Kriminellen hoch im Kurs. Schäden in Millionenhöhe und mindestens ebenso viele gebrochene Herzen sind das Ergebnis. Aus falscher Scham der Opfer liegen die tatsächlichen Zahlen jedoch im Dunkel. Wer steckt dahinter und wie kann man sich schützen?

Was ist Love Scamming?

Wie bei so vielen Themen im Internet setzt sich die Bezeichnung aus zwei englischen Wörtern zusammen – Love für Liebe und Scam für Betrug. Liebesbetrug also, oder klassisch ausgedrückt: Heiratsschwindel. Mit falschen Webprofilen werden falsche Hoffnungen gemacht, die Einsamkeit meist älterer Menschen ausgenutzt und fantastische Geschichten ersponnen, mit denen die Opfer um ihr Geld gebracht werden sollen. Oft stehen diese danach vor dem  finanziellen Ruin.

Wie läuft das ab und wen betrifft es?

Die Masche der Betrüger ist gezielt auf einsame Menschen ausgerichtet. Das sind meist verwitwete oder geschiedene und getrennte Personen mittleren und reiferen Alters. Männer und Frauen sind dabei gleichermaßen betroffen, allerdings sind die Statistiken hierzu sehr ungenau. So führen nicht alle Polizeien und Landeskriminalämter der einzelnen deutschen Bundesländer gesonderte Statistiken zum Love Scamming. Im Jahre 2019 wurden jedoch in Sachsen 299 Fälle, in Hamburg 84, in Baden-Württemberg 49 und in Sachsen-Anhalt 32 Fälle zur Anzeige gebracht. In den restlichen 12 Bundesländern sind die Zahlen unklar. Außerdem unbekannt sind die Fälle, die aus falscher Scham gar nicht erst angezeigt werden.

Der Schwindel findet immer online statt. Dazu müssen die späteren Opfer nicht einmal auf Dating-Plattformen angemeldet sein, wobei selbst bei kostenpflichtigen „Premium“-Anbietern solche Betrugsprofile schon zum Einsatz kamen. Vermehrt sehen wir versuchte Kontaktaufnahmen auf Social Media Seiten, wie Facebook & Co., aber auch auf Business-Portalen wie XING oder LinkedIn. Social Media bietet Kriminellen ein „Schlaraffenland“ an persönlichsten Informationen, die bereitwillig von den späteren Opfern zur Verfügung gestellt werden. Dazu gehören Änderungen im Beziehungsstatus, persönliche Schicksalsschläge, die finanzielle und berufliche Situation oder auch beliebte Reiseziele und Hobbys.

Ist ein Opfer ausgemacht, werden Fake-Profile erstellt. Bei Männern melden sich dann angeblich junge, gutaussehende Mädchen, zufällig auf der Suche nach reifen, erfahrenen Männern, die ihnen die Welt zeigen können. Bei Frauen hingegen melden sich angeblich ebenfalls gut aussehende, aber ältere Männer, die erfolgreiche Geschäftsleute sind und mit beiden Beinen fest im Leben stehen. Während einer kurzen, aber intensiven Kennenlernphase, die innerhalb kurzer Zeit zu heißen und innigen Liebesschwüren wechselt, erfragen die Kriminellen allerlei Informationen zum Familien- und Kontostand. Anschließend, nach teilweise wochenlanger Säuselei und Fragerei und tausenden von „I love you“, werden dann angebliche Pläne für eine gemeinsame Zukunft geschmiedet und weiter Vertrauen aufgebaut.

Ist sich der Gangster der Hörigkeit des Opfers sicher, beginnt die nächste perfide Phase. Die Planung läuft auf ein Treffen, oder gar Zusammenziehen in Deutschland hinaus. Doch, ach, der Weg dahin wird plötzlich steinig und ein „Unglück“ reiht sich an das andere!

Folgende Geschichten sind dabei typisch (und natürlich alle erfunden):

Bei weiblichen Opfern - Der erfolgreiche Geschäftsmann hat mit seiner Firma, z.B. in den USA, Geschäftskunden in Deutschland teure Industriemaschinen oder -güter geschickt. Doch leider verlangt der deutsche Zoll Einfuhrgebühren in Höhe von mehreren Tausend Euro. Hier werden absichtlich unrunde Beträge genannt, wie 5.490 Euro, um die Glaubwürdigkeit zu erhöhen. Leider würde die Geldanweisung aus den USA zu lange dauern, also wird die deutsche Geliebte (aka „Das Opfer“) lieb gefragt, ob sie mit diesem Betrag aushelfen könnte, da sonst der gesamte Deal platzt. Das Geld soll dann per Western Union gesendet oder in bar einer „Vertrauensperson“ ausgehändigt werden.

In anderen Fällen wird behauptet, dass man überfallen worden wäre und alle Kreditkarten gestohlen wurden. Man bräuchte nun Geld um die Mitarbeiter bezahlen zu können, die ihre Familien versorgen müssen.

Beispiel typischer Scamprofile. Quelle: www.RomanceScamBaiter.de

Bei männlichen Opfern – Die Geliebte oder ein enger Teil der Verwandtschaft hatte einen Unfall und benötigt dringend Geld für die Behandlungskosten, da die Ärzte sonst nicht behandeln und Tod droht.

Ebenfalls beliebt sind „Hürden“ auf dem Weg nach Deutschland. So kann sich das Mädchen leider den Flug nicht selbst leisten und bittet um Finanzierung. Auf dem Weg zum Flughafen hat dann das Taxi eine Panne, sie verpasst den Flug und muss umbuchen, was leider in ihrem Land sehr teuer ist. Schließlich wird der Flug auch noch gecancelt und sie muss im Hotel bleiben.

Studiengebühren, Luxusgegenstände und manch andere Sache wollen ebenfalls vom „Sugardaddy“ bezahlt werden. Ist das Geld der Opfer alle oder werden diese vorher misstrauisch, bricht der Kontakt dann sehr schnell ab.

Wer steckt dahinter?

Entgegen der Hoffnung der späteren Opfer stehen hinter dieser Masche nicht der Traumprinz oder -prinzessin, sondern organisierte Banden. Diese kommen im häufigsten Falle aus westafrikanischen Ländern, wie Nigeria oder Ghana oder aus osteuropäischen Ländern wie Rumänien, Bulgarien oder ehemaligen Sowjetrepubliken. Die Banden beschäftigen gewerbsmäßig mehrere Mitarbeiter im Schichtsystem, sodass jederzeit auf die Nachrichten der Opfer reagiert werden kann. In der Regel im 4-Stunden-Rhythmus wechselt also die Person hinter dem „schönen Geschäftsmann“ oder der „sexy Dame“.

In Befragungen geben die Akteure an, dass sie die Opfer nicht als solche sehen, sondern eher als „Kunden“, weil sie ja schließlich eine Geschäftsbeziehung pflegen würden. Reue oder ein schlechtes Gewissen sind ebenfalls kaum vorhanden.

Welcher Schaden entsteht?

Der Schaden der einzelnen Opfer fällt unterschiedlich aus. Finanziell kann es sich um mehrere Tausend Euro pro Opfer handeln, oft drängen die Kriminellen auch dazu, Kredite aufzunehmen oder im Verwandten- und Bekanntenkreis nach Geld zu fragen. Schließlich würde ja alles zurückgezahlt werden, sobald man erst in Deutschland zusammenlebt. Doch auch hier liegt die tatsächliche Zahl im Dunkeln. Nicht jeder Fall wird zur Anzeige gebracht, nicht jedes Opfer traut sich, sich Freunden oder der Polizei zu offenbaren. Laut Recherchen des ZDF sind jedoch allein in Sachsen im Jahr 2019 3,5 Millionen Euro Schaden durch die „digitalen Heiratsschwindler“ entstanden.

Darüber hinaus entsteht natürlich auch weiterer Schaden. Enttäuschung, Wut und das Gefühl, nie wieder jemandem vertrauen zu können, können allein schon reichen, Menschen den Lebensmut zu nehmen oder zumindest tiefer in die Einsamkeit und seelische Probleme rutschen zu lassen. Soziale Kontakte werden ebenfalls stark belastet, wenn man im falschen Glauben die Verwandtschaft oder Freunde um Geld gebeten hat, dass man wahrscheinlich nie zurückzahlen kann.

Wie finde ich heraus, ob die Liebe echt ist?

Es steckt viel Wahrheit in dem berühmten Satz: „Liebe macht blind“. In der Euphorie einer neuen Liebe, in dem Überschwang der Gefühle und des Glücks, dass „so eine tolle Person ausgerechnet mich ausgesucht hat“, blendet man eine ganze Reihe an Warnhinweisen aus. Im Kater des bösen Erwachens greifen sich viele Opfer fassungslos an die Stirn, warum sie nicht diese oder jene Unstimmigkeit gesehen haben. Das ist normal, trägt aber auch enorm zur Scham bei, aus der man diese Fälle nicht zur Anzeige bringt. Deswegen hier die wichtigsten Tipps um die Echtheit der „digitalen Schwärmerei“ zu prüfen:

  • Auch wenn Liebe keine Grenzen kennt und Übersetzerseiten im Netz die Nachrichten übersetzen können, sollten Sie vorsichtig sein, wenn sie von Unbekannten auf Englisch kontaktiert werden.
  • Ist die gegenseitige Sympathie klar, dann versuchen Sie, ein Telefonat mit Video zu arrangieren. Ein einfaches Telefonat reicht nicht aus, da ja echte Menschen (im Schichtdienst) hinter den Gaunereien stecken können. Hat der Schwarm immer wieder „Probleme mit der Webcam“, ein Handy aber „leider keine Frontkamera“, sollte das Misstrauen steigen!
  • Lieben kann man sich auch ohne Geld! Werden Forderungen - besonders finanzielle - gestellt, ohne, dass man sich schon persönlich getroffen hätte, dann sollten alle Alarmglocken schrillen.
  • Vertrauen Sie ruhig Ihre neue Romanze einem guten Freund oder einer guten Freundin an. Diese haben ohne „rosarote Brille“ oft einen klareren Blick auf die Situation.
  • Hören Sie auf Ihr Bauchgefühl! Viele Opfer beschreiben später, dass sie ein ungutes Bauchgefühl hatten, sich dann aber von den Beschwörungen der Gangster überreden ließen. Fühlt es sich zu gut an um wahr zu sein, ist es das leider oft auch.
  • Stellen Sie Fragen und bestehen Sie auf Beantwortung! Die meisten Scammer stellen selbst nur Fragen und beantworten kaum welche, da sie sich sonst schnell in Widersprüchen verfangen könnten.
  • Bekommen Sie Bilder geschickt, recherchieren Sie online, z.B. über die Google Bildersuche, ob sie die Bilder auf anderen Webseiten finden können. Oft kopieren die Gangster Bilder von frei zugänglichen Social Media Profilen argloser Menschen und verwenden diese als „Beweise“ in WhatsApp Chats oder als Profilbilder usw.
  • Eine Anlaufstelle kann RomanceScamBaiter.de sein. Dort können sich Betroffene austauschen und auch ohne Registrierung nach Bildern von Betrugsmaschen schauen.

Wie kann ich mich vorher schützen?

Wie bei allem im Internet hilft ein gesundes Maß an Misstrauen schon sehr viel. Daten- und Informationssparsamkeit sollte vor allem in Sozialen Netzwerken oberstes Gebot sein. Die wichtigsten Tipps lauten also von vornherein:

  • Nutzen Sie private, nicht öffentliche Profile auf Facebook, Instagram & Co.
  • Wenn Sie öffentliche Profile nutzen, dann posten Sie so wenig persönliche Details wie möglich. Wohnort, Arbeitsstelle, Kinder und die finanzielle und Wohnsituation, sowie der Beziehungsstatus sind Informationen, die Sie zu leichten Zielen von allen Arten an Betrugsmaschen machen können.
  • Kostenlose, aber auch Dating Plattformen mit Bezahlfunktion oder gar Seiten, die nur Akademiker:innen zueinander bringen wollen, schützen nicht vor Fake-Profilen! Geben Sie dort so wenig Informationen wie erforderlich und niemals welche zu Ihren Einkommensverhältnissen an.
  • Widerstehen Sie dem Drang, sofort auf jede Nachricht zu reagieren. Gerade in unvorhergesehenen Situationen, wie etwa auf LinkedIn, kann es sein, dass sie nach einer Nacht Schlaf oder wenigstens ein paar Stunden Überlegung feststellen, dass der Kontaktversuch nicht echt sein kann.
  • Werden Sie angesprochen von einer Person, die Sie normalerweise als „außerhalb der eigenen Liga“ betrachten würden, fragen Sie gezielt nach, warum Sie angeschrieben wurden und fangen an, so viele Fragen wie möglich zu stellen, da Scammer kaum Fragen beantworten, aber selbst sehr viele stellen.

Würden diese jungen Damen Sie auf der Straße ansprechen? Quelle: www.RomanceScamBaiter.de

Fazit

Niemand ist gefeit davor, sich einsam zu fühlen – gerade nach dem Verlust des Ehepartners oder der Ehepartnerin. Aber die obenstehenden Punkte zur Vorsicht und ein gesundes Misstrauen, gepaart mit dem Vertrauen auf das eigenen Bauchgefühl können dabei helfen, auf der Suche nach dem großen Glück auf einen Betrug hereinzufallen . Kriminelle haben keine Skrupel und denken sich immer wieder neue Maschen aus. Oft jedoch wandeln sie altbekanntes in Internetbetrügereien um. Vergleichen Sie also die Online-Situation gern auch mit einer aus dem „normalen“ Leben. So, wie Sie auf der Straße einem/einer Unbekannten weder sofort Ihre Kreditkarte noch intimste Gefühle anvertrauen würden, sollten Sie auch online solche Schritte erst nach reiflicher Überlegung und gern auch nach Abgleich mit den obenstehenden Hinweisen gehen.

Informationen und Hilfeseiten

Meldung im Betrugsfall: Immer bei der Polizei, am besten persönlich.

Informationsseite zu Love/Romance Scamming: https://www.romancescambaiter.de/

Da ein solcher Vertrauensbruch bei vielen Opfern schwere seelische Schäden anrichten können, betrachten wir die nachfolgenden Informationen ebenfalls als immens wichtig:

Rat und Nothilfe bei Suizid-Gefahr und Depressionen

  • Bei Suizidgefahr: Notruf 112
  • Deutschlandweites Info-Telefon Depression, kostenfrei: 0800 33 44 5 33
  • Beratung in Krisensituationen: Telefonseelsorge (0800/111-0-111 oder 0800/111-0-222, Anruf kostenfrei) oder Kinder- und Jugendtelefon (Tel.: 0800/111-0-333 oder 116-111)
  • Bei der Deutschen Depressionshilfe sind regionale Krisendienste und Kliniken zu finden, zudem Tipps für Betroffene und Angehörige.
  • In der Deutschen Depressionsliga engagieren sich Betroffene und Angehörige. Dort gibt es auch eine E-Mail-Beratung für Depressive.