Lysa Myers: „Nach wie vor wenige Frauen in der IT-Branche“

Am 8. März feiern wir weltweit den Internationalen Frauentag, um die Anstrengungen im Kampf um die Gleichberechtigung und das Wahlrecht für Frauen zu honorieren. Auch wir von ESET möchten allen Frauen zu diesem Anlass einen schönen Tag wünschen – vor allem jenen, die in der IT-Sicherheitsbranche täglich dabei helfen, das Internet zu einem sichereren Ort zu machen.

Es gibt viele Forscher und Computer-Experten, die täglich dafür arbeiten, dass sich Nutzer sicher im Internet bewegen und das Beste aus der Technologie herausholen können. Um die Bemühungen zur Stärkung des Sicherheitsbewusstseins weiblicher Mitstreiter weltweit zu ehren, haben wir uns mit einer der einflussreichsten Expertinnen getroffen: Lysa Myers, Mitarbeiterin in unserem amerikanischen Research-Team, hat uns erzählt, welche Erfahrungen sie in dieser von Männern dominierten Branche gemacht hat.

WLS: Wie hat dein Interesse an IT-Sicherheit begonnen und wie bist du zu der Branche gekommen?

Lysa Myers: Ich habe mit der Arbeit in der IT-Sicherheit begonnen, bevor ich überhaupt daran interessiert war. Ich habe einige Jahre als Floristin gearbeitet, bis ich während der Dot-Com-Days einen Job als Rezeptionistin bei einem Sicherheitsunternehmen hatte. Sie hatten einen so großen Bedarf, dass ich zu ein paar Projekten des Virenlabors hinzugeholt wurde und irgendwann wurde ich dann in das Team aufgenommen. Hier übernahm ich zunächst die Sichtung der Viren-Samples, die von Kunden eingereicht wurden. Nach kurzer Zeit hat mich das Thema so sehr gepackt, dass ich angefangen habe, den Researchern Fragen über ihre Jobs zu stellen, um ihnen besser helfen zu können. Und nur wenige Jahre später war ich dann plötzlich der Researcher, der für die Schulung neuer Leute verantwortlich war.

WLS: Wie ist es, in einer von Männern dominierten Branche zu arbeiten, wo du vielleicht schon allein deshalb herausstichst, weil du eine Frau bist?

Lysa Myers: Ich habe definitiv das Gefühl, dass ich mehr auffalle, weil ich eine weibliche Researcherin bin. Auf einer Konferenz, bei der man während der Veranstaltung vielleicht Dutzende von Männern trifft, ist es oft einfacher, sich an die wenigen Frauen zu erinnern, denen man begegnet. Zwar gab es über die Jahre auch schon den ein oder anderen unangenehmen Moment (vor allem, weil ich nicht so gern im Mittelpunkt stehe!), aber ich hatte schon immer größtenteils männliche Freunde. Deshalb ist es nicht allzu ungewöhnlich für mich. Die Menschen in der Branche sind für mich wie eine erweiterte Familie – die Beziehungen sind sehr eng!

WLS: Gibt es eine Frau in der IT-Sicherheitsbranche, die du besonders bewunderst?

Lysa Myers: Da gibt es sogar einige! Ich kann zwar nicht alle aufzählen, aber ein paar Beispiele sind:

Jeannette Jarvis – Jemand, den ich früh auf diversen Anti-Malware-Konferenzen kennen gelernt habe. Sie arbeitet jetzt bei McAfee. Sie ist eine Naturgewalt! Ich habe miterlebt, wie sie, wo auch immer sie hingeht, eine Menge erreicht – es ist wirklich faszinierend.

Chey Cobb – (einigen regelmäßigen Lesern dieses Blogs könnte der Name bekannt vorkommen) Sie und ich haben gemeinsam eines der vielen Kapitel verfasst, dass sie und Stephen im „großen blauen Buch über Computer-Sicherheit“ geschrieben haben. Allein beim Lesen einiger ihrer Beiträge war ich sehr beeindruckt von ihrem tiefen und umfangreichen Wissen. Als ich anfing, bei ESET zu arbeiten, hatte ich dann die Chance, sie persönlich zu treffen und von Angesicht zu Angesicht ist ihr Wissen sogar noch eindrucksvoller.

Katie Moussouris – Ich habe Katie bisher noch nicht kennengelernt, ich kenn aber ihre Arbeit zu einigen bekannten und spannenden Dingen wie BlueHat Briefings und verschiedenen Bug Bounty Programmen. Sie hat sehr viel erreicht, was umso beeindruckender ist, da wir ungefähr im gleichen Alter sind.

WLS: Denkst du, dass es viele weibliche Cyberkriminelle gibt?

Lysa Myers: Ich bin sicher, dass es sie gibt! Es gibt zwar generell mehr Männer, die in den technischen Bereich und auch Kriminalität verwickelt sind, aber ein Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern hat noch nie kriminelle Neigungen gestoppt.

WLS: Glaubst du, dass es Vorteile gibt, als Frau in dieser Branche zu arbeiten? Oder vielleicht Dinge, die für dich „einfacher“ sind, weil du bestimmte Fähigkeiten wie Empathie, Kommunikationstalent usw. hast?

Lysa Myers: Viele meiner Fähigkeiten habe ich verfeinert, indem ich Männer erlebt habe, die diese Fähigkeiten gut einzusetzen wussten. Ich würde nicht sagen, dass Frauen generell empathischer sind als Männer oder besser kommunizieren können, auch wenn es vielleicht eine solche Tendenz gibt. Ich denke, dass ich schneller bekannt werden konnte, weil ich aus der männlichen Menge herausstach, das ist also eine Art Vorteil, ja. Wenn ich aber nicht in der Lage gewesen wäre, diese Aufmerksamkeit mit nützlichen und nachweislich vorhandenen Fähigkeiten zu unterfüttern, wäre das Rampenlicht ziemlich schnell wieder erloschen. Und vielleicht gab es auch Situationen, in denen mich mein Frau-Sein das Rampenlicht gekostet hat, weil Leute gedacht haben, dass der technische Bereich nichts für Frauen ist. Aber wie auch immer, ich denke gar nicht so viel darüber nach. Ich tue, was ich tue und hoffe, den Menschen damit helfen zu können. Darum geht es für mich letztendlich.

WLS: Du arbeitest nun seit ca. 15 Jahren in der Branche. Welche Unterschiede siehst du zwischen deinem Beginn und jetzt in Bezug auf Frauen im Bereich der Sicherheits-Forschung?Lysa_Myers

Lysa Myers: In vielerlei Hinsicht hat sich nur wenig geändert. Es gibt nach wie vor wenige Frauen in der IT-Branche – für jede, die geht, kommt scheinbar eine neue hinzu. Ich hoffe, dass die Aufmerksamkeit, die Frauen in der IT-Sicherheit in letzter Zeit zukommt und die Bemühungen, auch jüngere Frauen für eine Karriere in der Branche zu interessieren, Früchte tragen und dass ich mich eines Tages umschauen kann und ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Männern und Frauen sehe.

WLS: Wie sieht deiner Meinung nach die Zukunft für Frauen aus, die in der IT-Sicherheit tätig sind? Glaubst du, dass es mehr werden?

Lysa Myers: Das hoffe ich jedenfalls sehr. Es ist eine großartige Karriere für mich und ich denke, dass es auch für viele andere Frauen eine gute Chance sein kann, auch wenn sie sich selbst nicht unbedingt als den Computer-Typ wahrnehmen. Es gibt viele verschiedene Tätigkeitsmöglichkeiten in der Sicherheitsbranche und wir brauchen Leute mit ganz unterschiedlichen Fähigkeiten. Als ich jünger war, habe ich niemals daran gedacht, dass ich einmal beruflich mit Computern arbeiten würde, aber ich könnte nicht glücklicher sein mit dem, wo ich gelandet bin. Ich kann Menschen helfen, ich kann schreiben und reisen und treffe Menschen auf der ganzen Welt – was gibt es daran nicht zu lieben??

WLS: Vor kurzem hast du in einem Interview gesagt: „Ich glaube, viele Leute denken, dass es bei diesem Job darum geht, den ganzen Tag auf Bytes zu starren, aber das ist bei weitem nicht alles. Es geht darum, Menschen zu helfen.“ Kannst du ein bisschen mehr darüber sagen und erklären, wie du Menschen hilfst?

Lysa Myers: Ich helfe Menschen, das Internet sicherer zu nutzen. Es gibt eine Menge Bösewichte da draußen, die es auf die Daten der Leute abgesehen haben. Die meisten Menschen haben über die innere Funktionsweise ihres Computers genauso wenig Ahnung wie bei ihren Autos. Aber sie verstehen Dinge wie „Bremse, bevor du auf das vorausfahrende Auto auffährst“, „Benutze deinen Sicherheitsgurt“, „Führe regelmäßige Ölwechsel durch“ usw. Mit Computern sind wir noch nicht an diesem Punkt angelangt, weil es sich um eine verhältnismäßig neue Technologie handelt. Es gibt viele einfache Dinge, die die Menschen tun können, um sich sicherer im Internet zu bewegen. Aber bislang haben sie das noch nicht verstanden. Indem wir eine einfache Sprache benutzen, können wir die Leute erreichen und ihnen dabei helfen, sicherer zu surfen. Als ich mir meine Kenntnisse über Bits und Bytes angeeignet habe, um diese effektiv nutzen zu können, habe ich mich wie eine Schülerin gefühlt – aber wenn du einmal die Grundlagen kennst, kannst du sie als Sprungbrett für ganz verschiedene Bereiche nutzen.

Ich denke, es ist ein unglückliches Vorurteil gegenüber technischen Jobs, dass die Leute Tag und Nacht in ihren dunklen Kellerräumen (oder Büros) sitzen und versuchen, „Gibson zu hacken“, während sie eine Menge an koffeinhalten Getränken zu sich nehmen. So ist es nicht. Vor allem, weil immer mehr Leute erkennen, was für eine dauerhafte, sichere und interessante Karrierewahl es ist. Und weil auch immer mehr Unternehmen verstehen, wie wichtig Computersicherheit für sie ist, gibt es eine Menge an unterschiedlichen Menschen, die sich mit einer Menge an unterschiedlichen Aspekten der Technologie beschäftigen.

Picture Credits: ©United States Mission Geneva/Flickr

Autor , ESET